BuchbesprechungenNimm mich an, so wie ich binChristof Wunderlichs Das Buch ist gegliedert in die Schwerpunkte Entstehungsweisen sowie entwicklungsbedingte und altersabhängige Erscheinungsformen, Bewältigungsstrategien aus Sicht der Betroffenen und der Umwelt, sowie soziale Aspekte geistiger Behinderung. Der Impuls des Buches wird von der Motivation des Autors getragen, die subjektiv wahrnehmbaren Seiten im Leben und Zusammenleben geistig behinderter Menschen mehr in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses zu rücken. An zahlreichen Einzelschicksalen wird gezeigt, wie beschämend häufig geistig behinderten Menschen Grundrechte verwehrt sind. Beispiele sind das Recht auf Ausbildung, aber auch z.B. auf sexuelle Entfaltung der Persönlichkeit. Insofern ist das Buch in der Tat ein Appell an die Öffentlichkeit; denn im Gegensatz zu den gängigen Fachveröffentlichungen hebt der Autor auf eigene Erfahrungen als Betroffener als auch auf die Erfahrung den Familien ab, die er als Fachmann begleitet hat. Kennzeichnend für das Buch ist die Perspektivenübernahme des jeweils Anderen: so läßt der Autor zum Beispiel die von ihm betreuen Familienmitglieder selbst zu Wort kommen. Der Autor nutzt diese Methode für die Elaborierung einer ressourcenorientierten Sichtweise, die im Kontrast zum allzu häufig praktizierten Kommunikationsstil konventionellen ärztlich-therapeutischen Handelns steht: Hier hilfloser Patient bzw. ratsuchende Familie, dort kompetenter, wissender Fachmann. Es liegt in der Natur der Sache, daß sich der Autor dadurch auf einem schmalen Grat bewegt und sich in die Gefahr ungewollter positiver Diskriminierung begibt. Er versucht, dies zu vermeiden, indem er in die Werbung für empathisches Mitfühlen und Bewältigen des durch Behinderung hervorgerufenen Leids eine sachliche Darstellung zu Ursachen, Einteilung und Erscheinungsformen geistiger Behinderung "einwebt". Dabei bleibt es nicht aus, daß die Kapiteleinteilung im Textfluß bisweilen die notwendige Stringenz vermissen läßt. Allerdings kommt dies der Lesbarkeit des Buches zugute, vor allem für den Leser, der an Beispielen aus der Praxis interessiert ist. Es ist das Verdienst des Autors, eindrücklich auf die Bedeutung der Trauerarbeit als Grundlage für gelungene Verarbeitung hinzuweisen. Er warnt vor verfrühter und unselbstkritischer Akzeptanz schwerer Schicksale. Er verfolgt diesen Ansatz konsequent auch in der Begleitung der von ihm so bezeichneten "Doppelschicksale", also Familien mit zwei betroffenen Kindern, und weist auf den Gewinn gelungener Adaptationsprozesse hin. In diesem Zusammenhang hätte der Bedeutung elterlicher Vorstellungs- und Kommunikationsprozesse in der Pränatalzeit allerdings mehr Raum gegeben werden können, auch im Hinblick auf die Vorbereitung möglicherweise notwendiger Trennungsprozesse. Dies gilt auch für die Hinweise zur genetischen Beratung, die als antizipierende Beratung auf die Möglichkeiten therapeutischer Hilfen für Eltern im Falle emotionaler Ambivalenz hinweisen muß. Nicht zuletzt ist das Buch ein Rückblick auf über 40 Jahre Praxis und Lebenswerk eines engagierten Kinderarztes, der sich als einer der ersten jahrzehntelang disziplinübergreifend für die Belange behinderter Kinder eingesetzt hat. Prof. Dr. Christian Eggers
Prof. Dr. Christof Wunderlich: Nimm mich an, so wie ich bin, ISBN 3-7751-3280-5; Hänssler Verlag 1999, 320 S., 29,95 DM
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