Buchbesprechung Ulrich Knölker: Zwangsstörungen im Kindes- und Jugendalter - Ergebnisse aus Klinik und Forschung

Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie

Heft 1 - 2000

Buchbesprechungen

Zwangsstörungen im Kindes- und Jugendalter -
Ergebnisse aus Klinik und Forschung

Ulrich Knölker (Hrsg.)

Der vorliegende Band aus der Serie "Berichte aus der Medizin" enthält die überarbeiteten Manuskripte des Zweiten Norddeutschen Jugendpsychiatrischen Wandersymposiums in Lübeck.

Es ist sehr zu begrüßen, daß das Thema Zwangsstörungen in der Fortbildung aufgegriffen wird, zumal diese "heimliche" Erkrankung mit einer Prävalenzrate von 1 - 3 % sehr viele Kinder und Jugendliche betrifft. So ist es um so erfreulicher, daß der Herausgeber Hand in Hand mit der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen arbeitet, die sich als Selbsthilfeorganisation für bessere Information und bessere Versorgung der Betroffenen einsetzt. Rückfragen diesbezüglich können gerichtet werden an: Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V., Möserstr. 56, 49074 Osnabrück.

In der Einleitung des Bandes geht Prof. Dr. U. Knölker auf Geschichte und allgemeine Aspekte zum Thema ein, während der zweite Beitrag (Prof. Dr. F. Hohagen, Lübeck) sich mit den neurobiologischen Grundlagen der Zwangsstörung und ihren Konsequenzen für die Behandlung beschäftigt.

Der Beitrag von Hohagen zeigt, daß hier ein kompetenter und international anerkannter Experte zum Thema schreibt, der sowohl die neuroanatomische Hypothese als auch die Serotoninhypothese zu den Zwangsstörungen auf den Punkt bringt. Er leitet daraus folgerichtig ab, daß neurobiologische Vorstellungen nicht nur mit medikamentöser Behandlung in Verbindung zu bringen sind. Vielmehr und gerade bei den Zwangsstörungen läßt sich eine enge Verbindung von Gehirnfunktion und verhaltenstherapeutischen Ansätzen deutlich machen. Er zeigt schließlich auf, daß die Kombination von Psychotherapie und Pharmakotherapie derzeit die am besten belegte Behandlungsmaßnahme bei Zwangsstörungen ist. Dies wird auch in dem ebenfalls hervorragenden Beitrag von Prof. Dr. M. Döpfner (Köln) betont. Er erläutert, welche therapeutischen Konzepte sich bei Kindern und Jugendlichen bewährt haben. Dabei geht er in erster Linie auf verhaltenstherapeutische Verfahren ein und stellt den neuesten Sachstand kurz und prägnant dar. Döpfner beschreibt einleuchtend, daß drei Interventionsansätze zu beachten sind:

1. Familienzentrierte Interventionen zur Verminderung familiärer Bedingungen, welche die Symptomatik aufrechterhalten.

2. Expositionsbehandlung plus Reaktionsverhinderung.

3. Kognitive Interventionen zur Verminderung von Zwangsgedanken.

Diese beiden wesentlichen Beiträge werden gut ergänzt durch den Text von Dr. 0. Bilke (Lübeck) zur Differentialdiagnose und Klassifikation bei Zwangsstörungen im Kindes- und Jugendalter, der eine aus Platzgründen reduktionistische Übersicht bietet. Er spricht am Schluß auch an, daß bei schweren Aufmerksamkeitsstörungen mit oder ohne Hyperaktivität zwanghafte Verhaltensweisen auftreten können. Dies ist zwar nicht, wie er schreibt, regelmäßig. Es ist auch nicht belegt, daß dies dazu dient, überschießende Handlungsimpulse zu kanalisieren. Allerdings kommen zwanghafte Merkmale bei diesem Störungsbild doch häufiger und intensiver vor als bisher angenommen (siehe auch Moll et al., Acta Psychiatrica Scandinavica, im Druck).

Dr. C. Wewetzer (Würzburg) und Mitautoren schreiben zum Langzeitverlauf von Zwangserkrankungen mit Beginn im Kindes- und Jugendalter. Neben einem kurzen Literaturrückblick berichten sie über ihre eigene Untersuchung, die zu ähnlichen Ergebnissen kommt wie die Arbeit des dänischen Kinder- und Jugendpsychiaters Prof. Dr. P. Thomsen (Aarhus): etwa 60% der zwangskranken Kinder und Jugendlichen verlieren später ihre Zwangsstörung oder weisen nur subklinische Zwangsmerkmale auf. Die restlichen etwa 40% zeigen weiterhin episodische oder chronische Zwangsstörungen. Inwieweit die von Wewetzer et al. gefundenen häufigen Persönlichkeitsstörungen als verallgemeinerbares Merkmal akzeptiert werden können, muß sich in weiteren Studien noch erweisen. Auf jeden Fall sind Untersuchungen zu Zwangsstörungen im Kindes- und Jugendalter (auf den verschiedensten Untersuchungsebenen: Psychopathologie, Neuropsychologie, Neurophysiologie, Neurochemie, Neuroanatomie, Familieninteraktion usw.) weiter angeraten, denn Zwänge gehören zu den häufigsten psychischen Störungen, entweder alleine auftretend oder auch in Kombination mit anderen psychischen Auffälligkeiten.

Die bisher besprochenen Beiträge werden noch ergänzt durch die Arbeit von Prof. Dr. M. Schulte-Markwort und Dr. G. Romer (Hamburg). Sie berichten zum Wert psychoanalytischer Theorien für das Verständnis von Zwangsstörungen. Wie schon in den Beiträgen von Hohagen und Döpfner kurz erwähnt, sind psychoanalytische Ansätze im Hinblick auf Zwangsstörungen nicht sehr förderlich gewesen und liefern auch heute keinen wesentlichen Beitrag. Hier wäre zu wünschen, daß die Argumentation selbst kritischer und empirischer geführt wird, denn auch eine Theorie muß überprüfbar sein und überprüft werden.

Der kasuistische Beitrag von PD Dr. F. Hässler (Rostock) bezieht sich auf kreativtherapeutische Ansätze in der Behandlung von Zwangsstörungen. Ohne Zweifel können funktionelle Übungsbehandlungen und Anregung zur Kreativität die Entwicklung eines Kindes fördern und das eine oder andere auch widerspiegeln. Hässler betont am Schluß, daß hier eine Einbettung in eine verhaltenstherapeutisch orientierte Einzel- und Gruppentherapie, die mit der Gabe von Clomipramin und durch Familientherapie unterstützt worden sei, vorgelegen habe. Es wäre hilfreich gewesen, die diagnostische Zuordnung klarer darzustellen und zu begründen (lag hier vielleicht ein Asperger Syndrom mit Zwangsmerkmalen vor?).

Insgesamt wird das Buch nur in Teilen seinem anfangs formulierten Anspruch gerecht: "Neueste Erkenntnisse aus Forschung und Klinik über Zwangsstörungen in ihren wichtigsten Facetten". Dennoch ist es als schlaglichtartiger Zugang zu dem Thema sehr zu empfehlen, da es die meisten Autoren verstanden haben, unnötigen Ballast wegzulassen. Die Ausstattung des Buches ist einfach gehalten, die Druckqualität der Abbildungen mäßig, und dem Lektorat sind viele typologische Fehler und sprachliche Nachlässigkeiten entgangen.

Prof. Dr. A. Rothenberger

Ulrich Knölker (Hrsg., 1999), Zwangsstörungen im Kindes- und Jugendalter - Ergebnisse aus Klinik und Forschung. 97 S., Shaker Verlag, Aachen 1999, 89,- DM